Große Visionen

Kolonien auf dem Mars, Getreideanbau auf dem Mond, selbsterhaltendes menschliches Leben in riesigen Raumstationen – die Visionen für die geplante Besiedlung unseres Sonnensystems sind groß, und die Grenzen zwischen Wissenschaft, Träumerei und Science-Fiction bei solchen Ideen seit jeher schwammig. Im 20. Jahrhundert waren es vor allem die Weltmächte USA und Sowjetunion, die im „Space Race“ um die Vorherrschaft im Weltall und damit um Prestige, technische Überlegenheit und geopolitische Macht rangen. Heute sind es andere Akteure und Akteurinnen, die die Erschließung des Weltraums vorantreiben.

Private Firmen wie SpaceX und Blue Origin prägen die kommerzielle Raumfahrt. SpaceX arbeitet erklärtermaßen auf eine dauerhafte menschliche Präsenz auf dem Mars hin; Blue Origin entwirft eine Zukunft, in der Millionen Menschen im All leben und arbeiten sowie Rohstoffe des Weltraums genutzt werden. Hinter diesen Projekten steckt also mehr als die bloße Neugier an einer Reise ins Weltall: Es geht um Kommunikationstechnologie, Ressourcen, wirtschaftliche Expansion und um die ganz große Frage, wie die Zukunft der Menschheit aussehen soll. Denn die Führungspersönlichkeiten hinter den großen Technologiekonzernen unserer Zeit, Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos, stehen für großartige Projekte, die unsere Lebensweise in Zukunft grundlegend verändern sollen. Dabei haben sie weltweit Macht und Einfluss in einem bisher ungekannten Maße angehäuft.

Warum aber ist die Auseinandersetzung mit Tech-Milliardären, ihren Zukunftsvisionen und ihren politischen Überzeugungen für das Problemfeld der Desinformation im Netz relevant? Mit dieser Frage beginnt eine Debatte, für die in den vergangenen Jahren zunehmend Begriffe wie Technofaschismus verwendet werden. Damit ist nicht gemeint, dass Technologie oder Künstliche Intelligenz an sich faschistisch seien. Vielmehr geht es um einen Trend, bei dem der immer größer werdende Einfluss der Tech-Milliardäre, kombiniert mit neuen Technologien, zu politischer Einflussnahme führen kann, die sich gegen grundlegende demokratische Werte richtet. Eine ausführliche Erklärung findet ihr in unserem Glossar.

Der Begriff ist also zunächst eine Analysekategorie, die Fragen darüber aufwirft, wo neue autoritäre Strukturen entstehen können. Wer besitzt technologische Infrastruktur? Wer kontrolliert den Informationsfluss? Wer entscheidet über Regeln, und wie viel demokratische Kontrolle besteht über diese Entscheidungen?

 

Wenn wirtschaftliche Macht politische Macht wird

Besonders deutlich wird das bei Elon Musk und Mark Zuckerberg. Eine Untersuchung des Medienrechtlers Paddy Leerssen beschreibt, dass die Plattformen Meta (Facebook und Instagram) und X (ehemalig Twitter) eine besonders hohe Machtkonzentration bei ihren jeweiligen Eigentümern aufweisen. Diese können dadurch maßgeblich Einfluss auf Regeln der digitalen Öffentlichkeit nehmen – also zum Beispiel darauf, wie Inhalte moderiert und welche politischen Prioritäten verfolgt werden. Das bedeutet nicht, dass Musk oder Zuckerberg selbst über einzelne Posts oder Kontosperrungen bestimmen, aber sie üben mehr persönlichen Einfluss aus, als das bei anderen Unternehmen der Fall ist. Wenn ein Eigentümer Moderationsregeln lockert oder gesperrte Accounts wieder zulässt, können einzelne Nutzer und Nutzerinnen zuvor eingeschränkten Inhalten oder Falschinformationen häufiger begegnen. Gesellschaftlich kann sich dadurch verschieben, welche Positionen sichtbar und normal erscheinen. Sichtbar wurde das beispielsweise, als Facebook ab 2017 eine Anpassung des Algorithmus vornahm, durch die Reaktionen auf Inhalte mit Emojis fünfmal stärker gewertet wurden als solche mit Likes. Gerade bei problematischen und polarisierenden Inhalten, darunter auch Falschinformationen oder Hetze, kommen diese Reaktionen besonders häufig vor. So wurden solche Inhalte also für ihre polarisierende Wirkung belohnt und an mehr Nutzer und Nutzerinnen ausgespielt.

Bei Musk kommt eine weitere Dimension hinzu: 2025 war er im Umfeld des von Donald Trump geschaffenen „Department of Government Efficiency“ (DOGE) als sogenannter special government employee tätig. Diese Organisation wurde offiziell mit der Aufgabe betraut, Bürokratie abzubauen und öffentliche Gelder zu sparen. DOGE erhielt weitreichenden Zugriff auf staatliche IT-Systeme und befasste sich nicht nur mit Software, sondern auch mit Personal, Beschaffung und anderen Behördenaufgaben, Musk griff also aktiv in die US-Politik ein. Beobachter kritisieren, DOGE habe genau dort Arbeitsplätze und staatliche Mittel gestrichen, wo die betroffenen Behörden nicht mit der Trump-Regierung auf Linie waren oder nicht ihren Zielen entsprach. Damit verbanden sich wirtschaftliche, technologische, mediale und politische Macht in ungewöhnlichem Maße in einer einzelnen Person.

KI als Werkzeug autoritärer Kontrolle

Eine besondere Rolle in der Debatte um Technofaschismus spielt die Künstliche Intelligenz. Dabei hat KI an sich natürlich keine politische Überzeugung. Der Philosoph Mark Coeckelbergh argumentiert vielmehr, dass bestimmte Eigenschaften gegenwärtiger KI-Systeme autoritäre Machtstrukturen begünstigen können, besonders dann, wenn sie mit konzentrierter Unternehmensmacht und einer ohnehin antidemokratischen Politik zusammentreffen. Denn KI ermöglicht heute unsichtbare Formen der Einflussnahme: Menschen können anhand großer Datenmengen kategorisiert, ihr Verhalten vorhergesagt und ihre Entscheidungen durch algorithmische Empfehlungen beeinflusst werden. Diese Prozesse finden im Hintergrund statt und sind für die betroffenen Menschen kaum nachvollziehbar. Coeckelbergh sieht darin Parallelen zu autoritären Strukturen: Entscheidungen werden zentralisiert und undurchsichtig, demokratische Kontrolle wird erschwert und Macht konzentriert sich bei denjenigen, die über Daten, Rechenleistung und technische Infrastruktur verfügen. Hinzu kommt die Möglichkeit politischer Manipulation. KI kann personalisierte Propaganda, Desinformation und emotionale Ansprache in einem bisher ungekannten Umfang automatisieren und skalieren. Das kann besonders problematisch werden, wenn autoritäre politische Akteure und Akteurinnen diese Infrastruktur für ihre Zwecke nutzen können.  So könnten beispielsweise, ähnlich wie bei personalisierter Werbung, auf einzelne Personen und ihre Interessen, Sorgen und Lebensumstände zugeschnittene Posts erstellt werden, die für die Nutzer und Nutzerinnen nicht von anderen Posts zu unterscheiden wären. Ebenso entstehen derzeit Möglichkeiten, über Livechats mit KI-Versionen von Influencern oder Politikerinnen zu sprechen, wodurch parasoziale Beziehungen zur Beeinflussung genutzt werden können.

Technofaschismus entsteht in dieser Perspektive nicht durch KI allein, sondern durch das Zusammenspiel von Technologie, den Konzernen, die sie kontrollieren, und einer politischen Umgebung, in der demokratische Institutionen und gesellschaftlicher Pluralismus bereits unter Druck stehen.

Plattformmacht und Desinformation

Soziale Netzwerke sind also mehr als bloß neutrale Behälter für Informationen. Empfehlungsalgorithmen, Moderationsregeln, Nutzerverhalten und wirtschaftliche Interessen beeinflussen, welche Inhalte sichtbar werden und wie weit sie sich verbreiten. Das betrifft auch Desinformation: Plattformregeln und Empfehlungssysteme beeinflussen mit, wie leicht falsche oder manipulierte Inhalte Reichweite erhalten und wie sichtbar Gegeninformationen sind.

Besonders X steht seit der Übernahme durch Elon Musk 2022 in der Kritik. Musk selbst spricht davon, dass er auf X eine möglichst weitreichende freie Meinungsäußerung erlauben möchte und lockerte diesbezüglich die Moderationsregeln, ließ zahlreiche wegen vorherigen Verstößen gesperrte Accounts wieder zu. Untersuchungen zeigen allerdings zugleich, dass Hassrede auf X in der Zeit nach der Übernahme deutlich häufiger vorkam: Eine 2025 veröffentlichte Studie fand im untersuchten Zeitraum einen Anstieg von etwa 50 Prozent gegenüber der Zeit vor der Übernahme. 

Auch persönlich hat Musk wiederholt falsche oder verschwörungsideologische Behauptungen verbreitet. Besonders bekannt wurde 2023 seine Zustimmung zu einem antisemitischen Post, der jüdischen Organisationen vorwarf, Hass gegen weiße Menschen zu fördern, eine Behauptung mit deutlichem Bezug zur antisemitischen Variante der „Great Replacement“-Verschwörungserzählung. Musk bestritt anschließend, antisemitisch zu sein, und distanzierte sich später teilweise von der Kontroverse.

Auch sein KI-Unternehmen xAI geriet in die Kritik: Der Chatbot Grok veröffentlichte 2025 nach einer Modelländerung antisemitische Inhalte und positive Aussagen über Hitler. xAI entfernte die Beiträge und erklärte anschließend, Maßnahmen gegen solche Ausgaben ergriffen zu haben. Der Fall zeigt aber gerade deshalb ein grundlegendes Problem: Auch Systeme, die als möglichst neutral oder unzensiert beworben werden, treffen keine neutralen Entscheidungen darüber, was Wahrheit ist. Sie werden von Unternehmen, die wirtschaftliche und gegebenenfalls auch politische Interessen verfolgen, programmiert, trainiert und moderiert.

Wenn die Person wichtiger wird als die Quelle

Zusätzlich zu ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht sowie ihrer Macht über Informationsflüsse haben einige Tech-Milliardäre eine hohe Strahlkraft als Persönlichkeiten. Sie werden häufig als außergewöhnliche Problemlöser inszeniert: Menschen, die schneller handeln als Politik und Verwaltung, große Risiken eingehen und scheinbar technisch logische statt politisch motivierter Entscheidungen treffen. Im Fall Musk verbindet sich diese Erzählung mit seiner eigenen Inszenierung als Ingenieur, Entrepreneur und Zukunftsvisionär. Durch solche Selbstinszenierung können Persönlichkeiten für ihre Anhänger und Anhängerinnen zu einer Autorität werden, deren Glaubwürdigkeit außer Frage und über der von staatlichen oder wissenschaftlichen Institutionen steht. Solche Phänomene bezeichnet man auch als Personenkult.

Hier besteht eine interessante Überschneidung zu verschwörungsideologischen Erzählungen, denn auch dort trifft man häufig auf die Vorstellung, etablierte Institutionen seien korrupt, träge oder manipuliert, während einzelne Außenseiter vermeintlich aussprechen, „was wirklich passiert“. Das bedeutet nicht, dass Misstrauen gegenüber Regierungen, Wissenschaft oder Medien an sich verschwörungsideologisch ist. Kritik an Institutionen ist ein wichtiger Bestandteil einer demokratischen Öffentlichkeit. Ein Warnzeichen entsteht aber dann, wenn die Glaubwürdigkeit einer Aussage oder eines Posts nur noch davon abhängt, wer sie äußert. 

Wo liegt also die Gefahr?

Weder Elon Musks Marspläne noch Jeff Bezos’ Raumstationen sind Verschwörungserzählungen. Technischer Fortschrittsoptimismus ist ebenso wenig automatisch antidemokratisch. Und wer eine lockerere Moderation sozialer Medien fordert, verbreitet deshalb noch nicht automatisch Desinformation.

Kritisch werden die Überschneidungen dort, wo mehrere Entwicklungen zusammenkommen: Zum einen zeichnet sich eine extreme Konzentration wirtschaftlicher und kommunikativer Macht und die Vorstellung technologischer Lösungen als Alternative zu langwieriger demokratischer Aushandlung ab. Zum anderen lässt sich eine personalisierte Autorität über algorithmisch gesteuerte Öffentlichkeiten und Kommunikationsformen beobachten, in denen die Grenzen zwischen Witz, politischer Botschaft und überprüfbarer Tatsachenbehauptung verschwimmen.

Quellen: